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Ex-Telekom-Chef Obermann will Glasfaser bis zu jedem Bauernhof

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Heinrich Voigts an März 10, 2017 - 1:30 pm in Internet

Investor René Obermann sieht den deutschen Markt in puncto Glasfaser unterentwickelt und fordert gemeinsam mit Beratern und Stadtwerken eine geringere Rolle für Kupfer. Die Netzneutralität ist ihm ein Dorn im Auge.

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René Obermann, Ex-Chef der Deutschen Telekom, hat sich nach grünen Politikern dafür ausgesprochen, „langfristig jeden Standort, jeden Bauernhof mit Glasfaser anzuschließen“. Der deutsche Markt sei an diesem Punkt „noch einigermaßen unterentwickelt“, konstatierte der Partner der Investmentgesellschaft Warburg Pincus, die unter anderem bei 1&1 Internet mitmischt, am Mittwoch bei einem „Wahl-Check“ zu Gigabit-Netzen des Verbands der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten (VATM) in Berlin.

Politische Rahmenbedingungen

In seiner früheren Position wäre Obermann die Ansage vermutlich teuer zu stehen gekommen, da die Telekom derzeit auf den VDSL-Turbo Vectoring setzt, um Lücken im Breitbandnetz zu beseitigen und dem flächendeckenden Versorgungsziel mit 50 MBit/s der Bundesregierung näher zu kommen. Nun betonte der Brancheninsider, dass der Glasfaserausbau schon allein für ein „leistungsfähiges 5G-Netz“ nötig sei. Die künftige Mobilfunkgeneration lasse es zwar zu, Infrastrukturen in verschiedene Leistungsebenen zu unterteilen. Damit komme man schon weit, aber nicht um deutlich mehr Glasfaserleitungen herum.

Privates Geld für Glasfaserleitungen zu bekommen, ist laut Obermann nicht das Problem: „Kapital war noch nie so billig wie derzeit; es sucht Anlagemöglichkeiten.“ Entscheidend seien konkrete Kapazitäten, Glasfaser legen zu können, sowie „langfristige, planbare“ politische Rahmenbedingungen. Je weniger Regulierung es im Bereich superschneller Netze gebe, „desto besser für private Investitionen“.

Verbindliches Förderverfahren

Für wichtig hält es der alte Hase im Geschäft auch, den Bewerbern für 5G-Frequenzen nicht wieder Milliarden mit einer Auktion abzuknöpfen. Besser sei es, ihnen „verbindliche Aufgaben zu machen“. Kein Weg führe zudem daran vorbei, „Differenzierung“ im Netz über „unterschiedliche Qualitäten“ zu fördern. Obermann reihte sich damit in die Phalanx der Gegner der neuen Auflagen für ein offenes Internet ein: „Wir schießen uns wieder ins Knie, wenn wir das Thema Netzneutralität wie eine Monstranz vor uns hertragen.“

Mit seinen Appellen war der Branchenexperte in der Hauptstadtrunde nicht allein. „Wer heute auf Kupfer setzt, landet digital in der Steinzeit“, befand Katherina Reiche, Hauptgeschäftsführerin des Verbands Kommunaler Unternehmen (VKU). Ihr ist es daher ein Dorn im Auge, dass staatliche Fördermittel teils in Vectoring und damit in die alte Leitungsgeneration fließen und sogar ein „Überbau“ konkurrierender Infrastrukturen durch den Platzhirschen möglich werde. Sie rief daher nach einem verbindlichen Förderverfahren, bei dem sich „die Telekom im Nachhinein nicht die Rosinen herauspicken kann“, wenn die Bagger schon rollten. Die städtischen Versorger seien jedenfalls „im Bereich Glasfaser unterwegs“.

Vorrang für eigenwirtschaftlichen Ausbau

„Bandbreite ist nie genug“, wusste Bernhard Krüsken, Generalsekretär des Deutschen Bauernverbands. „70 Prozent unserer Mitglieder sagen: es reicht vorne und hinten nicht, was wir da haben.“ Die Politik müsse daher mehr Geld in die Hand nehmen, da „private Unternehmen überfordert“ seien mit der Aufgabe. Ganz anschließen wollte sich Krüsken dem Ruf Obermanns aber nicht. „Es muss nicht unbedingt alles Glasfaser sein“, meinte er. Entscheidend sei die Echtzeitfähigkeit der Techniken. Den Rest müsse die Telekommunikationsbranche selber organisieren.

„Wir sehen durch die Förderprogramme eine gewisse Unsicherheit“, berichtete Uwe Nickl, Geschäftsführer der Deutschen Glasfaser Holding, die in ländlichen Gemeinden die Nachfrage bündelt und dementsprechend Lichtwellenleiter verlegt. Der ein oder andere Bürgermeister frage sich, ob staatliche Hilfen gefährdet seien, wenn eine Firma bereits den Markt vor Ort beackere. Der „eigenwirtschaftliche Ausbau“ müsse daher Vorrang haben vor Fördermitteln.

Karl-Heinz Neumann vom Wissenschaftlichen Institut für Infrastruktur und Kommunikationsdienste (WIK) verwies gar darauf, dass es sich bewährt habe, eine „alte Technologie“, wie es das Kupfernetz darstelle, „zu einem bestimmten Zeitpunkt abzuschalten“. Auch Martin Witt, VATM-Präsident und 1&1-Vorstandsvorsitzender, hätte sich bei der neuen „Gigabit-Offensive“ der Netzallianz ein „klareres Bekenntnis zu echten Gigabitanschlüssen gewünscht“. Vertreter anderer Betreiber beklagten, vor allem gegenüber „Over the Top“-Anbietern wie Facebook oder Google benachteiligt zu werden und etwa Kundendaten nicht wie diese nutzen zu dürfen.

Enteignung schwierig, „Scheinthema“ Netzneutralität

Andreas Nick, der für die CDU/CSU-Fraktion im Bundestagsausschuss für die digitale Agenda sitzt, erinnerte dagegen daran, dass es „Eigentumsrechte an Kupferleitungen“ gebe und er sich eine „Enteignung nicht ganz so einfach“ vorstelle. Der Breitbandausbau müsse „anwendungsgetrieben sein“, wobei zunächst das gesamte Investitionspotenzial im privaten Sektor zu mobilisieren sei: „Der Kunde muss wissen, was er mit Gigabit anfangen soll.“ Weiter ein konkretes Breitbandziel festzuschreiben, mache keinen Sinn. Daraus erwachse sehr schnell der Anspruch: „Dann muss die Politik das auch finanzieren.“ Unerlässlich sei letztlich ein „Wettbewerb auf allen Ebenen“, womit auch „manches Scheinthema wie die Netzneutralität mit abgeräumt“ werde.

„Kupfer darf nicht mehr gefördert werden“, positionierte sich der netzpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Lars Klingbeil, klarer. Er verriet, dass die Sozialdemokraten ein Ziel von 90 Prozent Glasfaser in ihr Programm für die Bundestagswahl im Herbst schreiben wollten. Es gebe aber noch „genug Lobbyisten für Kupfer“. Von der lauter werdenden Forderung, dass sich der Bund von seinen verbliebenen Telekom-Aktien trennen solle, hält Klingbeil nichts, da ein solcher Verkauf auch etwas mit kritischen Infrastrukturen und staatlicher Sicherheit zu tun habe. (kbe)

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