/ Internet / Studie: Daran krankt der Glasfaserausbau in Deutschland

Studie: Daran krankt der Glasfaserausbau in Deutschland

microtrenching-unitymedia-top-a3422ad793ed7493-662f9eb7e0f3445b.jpeg
Heinrich Voigts on May 11, 2017 - 8:26 am in Internet

In Sachen Glasfaseranschluss gehört Deutschland zu den Verlierern in Europa. Dafür gibt es Gründe, die eine Studie des Fraunhofer-Instituts ISI ebenso aufzeigt wie Lösungsmöglichkeiten. Vectoring gehört nicht unbedingt dazu.

Mit einer aktuellen Studie verleiht das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) der Forderung Nachdruck, den Glasfaserausbau in Deutschland gezielter zu fördern. Dass Deutschland bei direkten Glasfaseranschlüssen im europäischen Vergleich weit hinterhinkt, liege an “fehlender gesamtstaatliche Strategie, unkoordinierten Förderprogramme und fehlendem Mut”, bilanziert die im Auftrag der Bertelsmannstiftung erstellte Studie “Ausbaustrategien für Breitbandnetze in Europa”.

Vorbild Schweiz

Für die Studie haben sich die Fraunhofer-Forscher Länder angesehen, die eine erheblich höhere Verbreitung von Glasfaseranschlüssen (FTTH) und effizientere Regulierungsansätze vorweisen können, darunter Schweden, Spanien und die Schweiz. Aus diesen Erkenntnissen leitet das ISI Vorschläge ab, wie der Glasfaserausbau auch in Deutschland schneller vorangetrieben werden kann.

Studie: Daran krankt der Glasfaserausbau in Deutschland
Bei FTTH kommt Deutschland im EU-Vergleich nur auf einen der hinteren Plätze. Vergrößern
Bild: Bertelsmann-Stiftung

Eine Chance sehen die Autoren der Studie in der engeren Einbindung von Ländern und Kommunen, die ein erhebliches Interesse an moderner Infrastruktur haben sollten. “Schnelles Internet ist für Firmen und Bürger ein entscheidender Standortfaktor”, erklärte Bernd Beckert, Koordinator der Studie beim Fraunhofer ISI. Glasfasernetze könnten von kommunalen Betrieben ausgebaut und dann nach dem Open-Access-Prinzip betrieben werden: Verschiedene Anbieter können auf der kommunalen Infrastruktur ihre Dienste für den Nutzer anbieten.

Bund als Bremse

Eine Bremse haben die Autoren der Studie beim Bund und seinen unkoordinierten Förderprogrammen ausgemacht. Die Politik schafft nicht genug Anreize, direkt in Glasfaser zu investieren, anstatt auf Brückentechnologien zurückzugreifen. “Der aktuelle Stand der Glasfaser-Versorgung ist nicht gut, aber das eigentliche Drama ist, dass der Aufholprozess durch politische Weichenstellungen unzureichend unterstützt wird”, kritisiert Brigitte Mohn, Vorstand der Bertelsmann Stiftung.

Deutschland solle sich auf Bundesebene ambitioniertere Ziele setzen, meinen die Fraunhofer-Experten. Mit einem Breitbandziel von 50 MBit/s bis 2018 fällt Deutschland hinter die EU-Marke von 100 MBit/s bis 2020 zurück. 50 Mbit/s sind auch mit VDSL und Vectoring über das bestehende Kupfernetz zu schaffen, ein besonderer Anreiz für Investitionen in Glasfaser ist das nicht.

Vectoring verhindert Glasfaser

Vectoring “verhindert einen konsequenten Glasfaser-Ausbau”, bemängelt Kirsten Witte, Kommunalexpertin der Bertelsmann Stiftung, diesen “deutschen Sonderweg”. Das ist Wasser auf die Mühlen der Telekom-Konkurrenten, die mit ihren Klagen gegen die umstrittene Vectoring-Entscheidung der Bundesnetzagentur gescheitert sind. “Die Politik muss sich jetzt klar zur reinen Glasfaser bekennen und ein solches langfristiges, tragfähiges Infrastrukturziel setzen”, sagt Stephan Albers, Geschäftsführer des Bundesverbands Breitbandkommunikation (Breko).

Studie: Daran krankt der Glasfaserausbau in Deutschland
Die runden Tische der Schweiz könnten auch ein Modell für Deutschland sein. Vergrößern
Bild: Bertelsmann Stiftung

Der Staat müsse alle Telekommunikationsdienstleister und Netzbetreiber an einen Tisch bringen und die Ausbauaktivitäten besser koordinieren, lautet ein Fazit der Fraunhofer-Experten. Eine solche Runde gibt es bereits, auf dem Stammtischschild steht “Netzallianz”. Doch bisher scheint da keiner bereit, seine Partikularinteressen für das gemeinsam Ziel zu opfern. Viel mehr als ein Minimalkonsens ist bei der vom zuständigen Infrastrukturministerium initiierten Netzallianz noch nicht herausgekommen.

Den Kommunen kommt in den Augen der Experten eine Schlüsselrolle zu. Doch müsste der Gesetzgeber dafür rechtliche Grenzen einreißen, die noch bestehen. Schließlich bringen die Autoren der Studie auch das Reizthema Grundversorgung wieder in die Debatte: “Insgesamt ist es auch in Deutschland sinnvoll, das Prinzip der Daseinsvorsorge auf die Versorgung mit Breitband- Internet auszuweiten.” (vbr)

Read more on: Source

Comments are disabled