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Quantenschlüsselaustausch: “Meine Forschung ist ein Alptraum für andere”

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Gerfried Steube on June 12, 2017 - 4:58 pm in Internet

Quanten! Quanten! Quanten! Am 23. Juni 2017 geht es auf der Golem.de-Quantenkonferenz um eines der wichtigsten Zukunftsthemen in der IT. Auf der Konferenz treten führende Quantenforscher aus aller Welt auf. Aber wer sind die Experten? Wir haben nachgefragt. Heute: Norbert Lütkenhaus, der an der Universität in Waterloo in Kanada lehrt und über den Quantenschlüsselaustausch sprechen wird.

Golem.de: Wer war der Held Ihrer Kindheit?

Norbert Lütkenhaus: Mit den Helden hatte ich es nicht so. Am ehesten noch Jippy Brown, der Mäusesheriff von Janosch.

Golem.de: Welche Erfindung bewundern Sie am meisten?

Lütkenhaus: Das ist die Zeitmaschine. So was hätte ich gern.

Golem.de: Auf welches Gadget würden Sie nicht verzichten und warum?

Lütkenhaus: Eigentlich komme ich ganz gut ohne Gadgets aus. Aber so ganz stimmt das nicht: GPS in all seinen Formen macht mein Leben sehr viel einfacher, auch in seiner Vernetzung mit Fahrplänen. Ich würde ohne Smartphone und GPS oft dumm dastehen. Okay: also das Smartphone!

Golem.de: Was lesen Sie privat am liebsten?

Lütkenhaus: Keine Sachbücher. Ich bin immer auf der Suche nach einem guten Buch, das einen in andere Menschen hineinversetzt oder Situationen aus verschiedenen Sichtweisen darstellt. Und ich lese nur gedruckte Bücher, keine E-Reader-Inhalte.

Golem.de: Welchen technischen Trend lehnen Sie ab?

Lütkenhaus: Die Aufgabe der Privatsphäre durch Datensammlung. Ich mag nicht, wenn Browserhistory, das GPS meiner Sportuhr und so weiter miteinander hinter meinem Rücken zu einem Profil zusammengesetzt werden. Lieber zahle ich mehr und meine Daten bleiben meine Daten.

Golem.de: Wie erklären Sie Ihren Großeltern Ihr Forschungsgebiet?

Lütkenhaus: Ein paar Grundkonzepte der Quantenmechanik kann man schon erklären, zum Beispiel dass jede Beobachtung oder Messung den Zustand eines Systems beeinflusst. Und dass Licht, wenn man es hinreichend abschwächt, genau diese Eigenschaft deutlich zeigen kann. Dann hat man eigentlich schon die Grundzüge der Quantenkryptographie erklärt. Und dass man nicht gerne abgehört werden will, erklärt sich von allein.

Golem.de: Was fasziniert Sie am Thema Quantentechnologie?

Lütkenhaus: Die Bandbreite des Themas ist toll. Man kann in einem Moment an sehr fundamentalen Fragestellungen arbeiten, und im nächsten Moment dreht sich das in eine mögliche praktische Anwendung, an der man dann auch selber weiter arbeitet. Es ist alles nah beieinander, einschließlich der experimentellen Realisierung und eben auch der Kommerzialisierung. Man kann sehr breit arbeiten und darf sich auch in andere Disziplinen locken lassen.

Golem.de: Wie lange haben Sie gebraucht, um Quantenphysik zu verstehen?

Lütkenhaus: Das geht ganz schnell, sobald man kapiert, dass man nie irgendetwas wirklich versteht. Was wir Verständnis nennen, ist in Wirklichkeit nur ein Drangewöhnen. Oder haben Sie verstanden, warum ein Stein nach unten fällt? Verständnis bedeutet für mich, dass man eine Intuition entwickelt und qualitative Aussagen machen kann, ohne es durchzurechnen. Quantenmechanik wirft unsere gängige Intuition über den Haufen, aber wenn man einmal die Mathematik verstanden und ein paar Situationen durchgerechnet hat, dann sieht man oft, wie der Hase läuft – auch ohne Rechnung.

Golem.de: Wer war Ihr wichtigster Lehrmeister?

Lütkenhaus: Ich hatte viele gute Lehrmeister. Am meisten geprägt hat mich aber Jürgen Ehlers, bei dem ich meine Diplomarbeit geschrieben habe. Sein Blick für wesentliche Strukturen erlaubte es ihm, große Zusammenhänge zu sehen und zu lehren. Seine Begeisterung für Physik und für Menschen war sehr einprägend.

Golem.de: Mit welchem beruflichen Erfolg geben Sie am liebsten an?

Lütkenhaus: Angeber gehen mir auf den Geist. Aber stolz darauf, das Gebiet der Quantenkryptographie mitgeprägt zu haben, bin ich schon.

Golem.de: Welchen Misserfolg in Ihrer Forschungsarbeit würden Sie gern vergessen?

Lütkenhaus: Es gibt eigentlich keinen Misserfolg. Auch wenn ein Forschungsprojekt im Sand verläuft, lernt man etwas davon. Wenn man das vergisst, dann wiederholt man das Ganze nur. Peinlich wären nur echte, schwere Fehler in einer Veröffentlichung.

Golem.de: Was wäre für Sie in Bezug auf Ihre Forschung der absolute Alptraum?

Lütkenhaus: Im Moment scheint mir eher, dass meine Forschung der Alptraum für andere Leute ist, weil sie jetzt reagieren müssen. Ansonsten ist vielleicht der Alptraum jedes Forschers, dass sein Forschungsgebiet obsolet wird und von einer treibenden Richtung zu einem Gebiet der Fleißarbeit wird. Da kann ich aber wirklich sehr ruhig schlafen.

Golem.de: Welche Frage beschäftigt Sie derzeit am intensivsten?

Lütkenhaus: Eigentlich zwei Fragen: Wie baue ich die einfachsten Quantenrepeater, mit denen man dann Quantenkommunikation über weite Entfernungen machen kann. Und die Frage, welche Anwendungen Quantenkommunikation außer den kryptographischen noch haben kann.

Golem.de: Werden Quantencomputer endlich die Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest ermitteln?

Lütkenhaus: Die Antwort ist bekannt, aber vielleicht können wir den Quantencomputer so programmieren, dass er die wirklich richtige Frage für diese Antwort findet.

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