"Die Zukunft ist hybrid" – Interview mit Rainer Zinow, SAP

21.04.2011

Rainer Zinow, Senior Vice President und Prokurist bei SAP, spricht über die Zukunft der IT. Sie liegt in einer wohl dosierten Mischung aus Cloud- und On-Premise-Umgebungen.

Herr Zinow, wie sieht die Cloud Computing-Strategie der SAP aus?

Rainer Zinow: Zur Beantwortung dieser Frage möchte zunächst ich einen Schritt zurückgehen und erläutern, was Cloud für die Anwender bedeutet. Sie können auf alle ihre Daten, auf alle ihre Anwendungen – sogenannte Services, zu jedem Zeitpunkt an jedem Ort mit jedem Endgerät zugreifen, und flexibel den Umfang der Nutzung anpassen Dies sind die Anforderungen, die Anwender an Cloud Computing heute stellen. Wie setzen wir das als Anbieter von Cloud-basierten Lösungen jetzt tatsächlich um? Wir sehen hier primär vier Dimensionen:

Erstens werden Anwendungen benötigt, die wirklich für die Cloud gebaut worden sind. Es funktioniert einfach nicht, bestehende Anwendungen in die Cloud zu transportieren, die dann das liefern sollen, was man haben möchte. Deswegen entwickelt SAP Cloud-spezifische Applikationen mit einer speziellen On-Demand-Softwarelösung, auf einer Cloud-basierten Plattform – SAP Business ByDesign.

Zweitens müssen diese Applikationen offen für Kundeninnovationen sein, die von Kunden und Partnern umgesetzt werden können. Denn kein Anbieter kann allein alle Anwendungen oder Spezifika entwickeln, die benötigt werden.

Drittens müssen diese Partnerlösungen verkauft werden, sprich der Kunde muss sie finden können. Daher braucht man einen Anwendungsstore, ähnlich wie iTunes von Apple - und den liefert die SAP. Entscheidend dabei ist, dass mit der Verfügbarkeit dieses Stores die Größe eines Partners nur noch eine sekundäre Rolle spielt. Jedes Unternehmen, das eine clevere Idee hat, kann also Anwendungen entwickeln und sie dank der Erfahrung von SAP effizient allen Kunden bereitstellen.

Die vierte Dimension ist die Infrastruktur. Es ist völlig klar, wenn ich Cloud-basierte Services zur Verfügung stelle möchte, dann müssen sie absolut robust, mit hoher Performance und höchster Sicherheit geliefert werden. Die SAP erreicht dies über ihre eigenen zertifizierten Rechenzentren.

Wie ist die Akzeptanz des Cloud-basierten SAP On Demand-Service?

R. Z.: Lösungen auf der Basis von Cloud Computing werden in zunehmenden Maße von zwei Zielgruppen nachgefragt. Zum einen sind das neue Kunden, insbesondere im mittelständischen Segment, und zwar jene, welche die eigentlichen Gewinner der Globalisierung sind. Mit ihrer Markposition benötigen sie eine betriebswirtschaftliche Plattform, die sie in ihrem internationalen Geschäft unterstützt und mit ihnen wachsen kann. Das ist die Kernkompetenz der SAP seit mehr als 35 Jahren, und ist auch in unseren Cloud-Angeboten enthalten.

Zum anderen interessieren sich auch die SAP-Bestandskunden aus den oberen Marktsegmenten für Cloud-Lösungen. Sie wollen die SAP-Infrastruktur in ihrem Unternehmen mit innovativen Lösungen komplementieren und von den Vorteilen des Cloud-Modells profitieren.

Können Sie ein Beispiel nennen?

R. Z.: Das bestes Beispiel dafür ist unsere Online-Komponente „Sales On Demand“, die auf der CeBIT zum ersten Mal vorgestellt wurde. Ein SAP-Bestandskunde, der die SAP ERP-Module „Sales & Distribution“ - dazu gehören Angebotsverwaltung, Auftragsverwaltung, Rechnungsschreibung und Zahlungsabwicklung - im Einsatz hat, ergänzt jetzt diesen Prozess durch den davor gelagerten Vertriebs-Teil auf Basis eines Cloud-Services. Der Prozess der Identifikation von „Leads“ und Bearbeitung von „Opportunitys“ liegt in der Cloud. Wenn ein Kunde gewonnen ist, dann wird der Vorgang umgewandelt in ein Angebot, Auftrag usw., was dann in den bewährten Prozessen und Systemen On-Premise nahtlos weiter abgearbeitet wird.

Wie entwickeln sich die Marktanteile zwischen Cloud Computing und

Rainer Zinow, Senior Vice President und Prokurist bei SAP

On-Premise?

R. Z.: Cloud Computing wird On-Premise Computing ergänzen. Wir glauben, dass die Welt hybrid ist und für eine ganze weile auch so bleibt. Das heißt, wir werden einen zunehmenden Anteil von Cloud-Anwendungen (Services) sehen, wir werden auch Verschiebungen in Richtung Cloud sehen. Aber am Ende des Tages wird es eine Kombination aus On-Premise-, On Demand- und auch On Device- (Mobilität) Anwendungen geben.

Cloud Computing macht für viele Unternehmen Sinn, weil sie eben nicht in die sonst notwendige Infrastruktur investieren wollen oder können. Dagegen haben viele SAP-Kunden eine Größe und spezielle Anforderungen, bei denen es sinnvoll ist, die Infrastruktur weiter zu betreiben und um Cloud-Komponenten anzureichern.

Keiner unserer großen Kunden arbeitet übrigens an einer Ersetzungsstrategie. Wenn diese Unternehmen ihr Prozessspektrum erweitern wollen, dann wird geprüft, ob die Erweiterung On-Premise oder On Demand erfolgt. Ein Beispiel: Unsere Bankkunden setzen auf On-Premise-Applikationen, weil es bei diesen geschäftskritischen Anwendungen um die Verarbeitung von Transaktionen in großen Mengen  geht. Beim Travel Management setzen sie dagegen auf Cloud Computing-Lösungen.

Viele assoziieren SAP mit umfangreichen Lösungen, die mächtige Hardware benötigen, nun wollen Sie einzelne Anwendungen in der Cloud anbieten, wie geht das zusammen?

R. Z.: Ich glaube, dass das eigentlich sehr gut zusammenpasst, weil es eine natürliche Weiterentwicklung ist. Was treibt diese Weiterentwicklung? Was wir in den letzten Jahren erlebt haben, ist nichts weniger als eine Revolution auf dem Infrastrukturmarkt. Das erste Mal stehen uns nahezu unbeschränkt viel Rechenleistung zur Verfügung. Wir verfügen über derartige Hauptspeichermengen, die uns über Bord werfen lassen, was wir eigentlich gelernt haben: „Gehe vorsichtig mit Hauptspeicher um, nutze Hauptspeicher nur so lange, wie du ihn tatsächlich benötigst“ - das ist in der heutigen Welt veraltet. Wir haben Netzwerke mit enormen Bandbreiten zur Verfügung. Während ich früher schwierige Abwägungen darüber treffen musste, was ich auf dem Client und auf dem Server mache, kann ich nun die Anwendung optimal auf die Bedürfnisse des Anwenders ausrichten.

Außerdem sehen wir gerade die Revolution im Bereich der Mobilität. Egal ob Blackberry, iPhone, Android oder andere Plattformen – die mobilen Endgeräte sind so leistungsfähig, dass man auf  Anwendung problemlos zugreifen kann. Über die Cloud kann SAP schnell und sicher neue mobile Endgeräte optimal in die Anwendung einbinden und allen Kunden ohne Aufwand oder Verzögerung zur Verfügung stellen.

Aus diesen Gründen kann SAP heute eine komplette und hoch attraktive Business Suite für den Mittelstand und Tochtergesellschaften sowie spezielle Lösungen für Großkunden in der Cloud anbieten. Dies bestimmt die Transformation, von mächtiger On-Premise-Software mit der dazu notwendigen Infrastruktur hin zu einem schlanken hybriden Liefermodell, das in die heutige Zeit einfach besser passt.

Das Interview führte Ingo Paszkowsky, Autor und Fachjournalist in Berlin.

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