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Münchner IT-Leiter zu LiMux: "Es gibt keine größeren technischen Probleme"

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Moritz Rosenfeld an März 12, 2017 - 1:10 am in OSS

Karl-Heinz Schneider, Chef des kommunalen Dienstleisters IT@M, hat sich überrascht gezeigt über den Ruf des Münchner Stadtrats nach einem Konzept für die komplette Rückkehr zu Windows. Kompatibilitätsprobleme wegen Linux seien gelöst.

Der Auftrag des Münchner Stadtrats an die Verwaltung, bis spätestens Ende 2020 für die kommunalen Behörden ein Konzept für eine „einheitliche Client-Architektur“ auf Windows-Basis zu erstellen und den derzeit auf 20.000 Arbeitsplätzen eingesetzten Linux-basierten LiMux-Desktop abzuschaffen, stößt bei vielen städtischen IT-Mitarbeitern auf Unverständnis. Hinter vorgehaltener Hand ist teils von einem „befremdlichen“ und „postfaktischen“ Beschluss die Rede, oft helfen sich die Fachleute nur noch mit Galgenhumor weiter.

Diplomatischer drückt sich Karl-Heinz Schneider aus, Leiter des Dienstleisters für Informations- und Telekommunikationstechnik der Landeshauptstadt IT@M. Die Entscheidung sei „zum Teil überraschend“ gekommen, erklärte Schneider gegenüber heise online. Der Aufbau eines leistungsfähigen Windows-Clients sei zwar auch von den Accenture-Gutachtern frühzeitig gefordert worden, die auf Geheiß von Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) die gesamte kommunale IT auf den Prüfstand stellten. LiMux sollte ihnen zufolge aber zunächst beibehalten werden.

Inkonsquente Prüfer

Laut den federführenden Stadträtinnen der Regierungsfraktionen von SPD und CSU waren die externen Prüfer an diesem Punkt nicht konsequent genug, was nur zu Mehrkosten führe. Der Linux-Client und das parallel eingesetzte Open-Source-Büropaket LibreOffice verursachten zudem immer wieder Kompatibilitätsprobleme, viele städtische Rechner, Systeme und Arbeitsprozesse liefen nicht rund. Dem widerspricht Schneider aber klar: „IT@M kennt keine größeren technischen Probleme mit LiMux und LibreOffice.“

„Zwingende technische Gründe für einen Wechsel zu Windows und Microsoft Office sehen wir nicht“, beteuerte Schneider. „Kompatibilitäts- und Interoperabilitätsprobleme lösen wir dadurch, dass wir MS Office – meist virtualisiert – an den Arbeitsplätzen zur Verfügung stellen, die mit externen Stellen gemeinsam an Office-Dokumenten arbeiten müssen.“ Der von Accenture vorgesehene Betrieb beider Welten entspreche dem heutigen Aufwand, da 2013 schon 80 Prozent der Clients auf LiMux umgestellt gewesen seien.

Die auch in einer Umfrage teilweise attestierte Unzufriedenheit bei Anwendern mit der IT nährt sich Schneider zufolge vor allem daraus, dass IT@M schneller aktuelle Betriebssystem- und LibreOffice-Versionen zur Verfügung stelle, als sie die dezentralen IT-Einheiten der einzelnen Ämter an die Endnutzer ausrollen könnten: „Das führt zu einer Vielzahl alter und uralter LiMux-, Windows- und Office-Versionen“, unter denen auch vom Hersteller nicht mehr unterstützte Varianten wie Windows XP oder sogar 2000 seien.

LiMux nicht an Ausfällen schuld

Die Systemausfälle im Kreisverwaltungsreferat (KVR) in den jüngsten Jahren, die auch viele Bürger massiv verärgerten, „hatten nie etwas mit LiMux zu tun“, stellt der IT@M-Chef klar. Die Probleme seien von einem neuen Fachverfahren ausgelöst worden, das seit seiner Einführung im Juli 2015 bis Mai 2016 nicht stabil lief. Es seien dort aber „ausschließlich Windows-Clients im Einsatz sowie neben Linux- auch Windows-Server“. Die Probleme seien oft durch unqualifiziertes Personal vor allem auf der Entscheidungsebene hausgemacht, ist aus dem KVR selbst zu hören.

Für zumindest widersprüchlich hält Schneider den Wunsch des Stadtrats, einerseits zurück in eine einheitliche Windows-Welt zu wechseln, andererseits aber im Sinne des Gutachtens das strategische Ziel einer vom Betriebssystem unabhängigen Anwendungslandschaft zu formulieren. „Eine Ein-Client-Betriebsystem-Strategie kann es nicht geben, da sonst die mobilen Endgeräte ausgeschlossen wären“, unterstreicht der Praktiker. IT@M arbeite bereits an Virtualisierungen von Programmen und Clients, um künftig nicht mehr an die unterschiedlichsten Betriebssysteme auch auf Smartphones gebunden zu sein.

Schneider hebt weiter hervor, dass der Stadtrat bislang nicht einmal der Empfehlung der Analysten gefolgt sei, „LibreOffice weiterhin als Standard für die Bürokommunikation zu nutzen“. Die Gutachter hätten zuvor gelernt, wie die Stadt ein einheitliches Formularwesen mit rund 10.000 Vorlagen und 130 Makros über WollMux managt und wie der offene Standard ODF (Open Document Format) dort in Fachanwendungen integriert ist. Den erforderlichen Aufwand und die Kosten, um gegebenenfalls auch hier das Rad zurückzudrehen, müsse die Verwaltungsspitze mit ihren konkreten Plänen zeigen.

IT-Sicherheit und Datenschutz hätten so oder so „höchste Priorität“, versichert der Computermanager. Die dafür nötigen Vorkehrungen seien zwar „in einer proprietären Welt prinzipiell aufwändiger und schwerer nachprüfbar als in einer offenen“, räumt er ein. Trotzdem handle es sich dabei um „keine prinzipiell neue Aufgabe für uns“.

Deutlich mehr Grund zur Sorge an diesen Punkt sieht ein anderer IT@M-Mitarbeiter, der sich jüngst mit einem heise online vorliegenden Brandbrief an die Volksvertreter wandte. Die „Nutzung eines Betriebssystems eines US-amerikanischen IT-Giganten“ bezeichnete er darin als äußerst beunruhigend vor allem in der „Ära Trump“. Spätestens seit den Snowden-Veröffentlichtungen sei bekannt, dass die NSA die Bundesbürger ausspähe und ihr die heimischen IT-Größen dabei hälfen.

Emotionen statt Fakten

Insgesamt bezeichnete es der Entwickler als „sehr befremdlich, dass diese Entscheidungen nicht auf Basis von Fakten, sondern Emotionen und politischen Interessen getroffen werden“. Die IT-Probleme der Stadt hätten hier zu einer Polarisierung geführt, obwohl sie ihren Ursprung nicht in LiMux hätten. Diese Herangehensweise zeige sich vor allem darin, „dass die Ergebnisse der Accenture-Studie nahezu ignoriert werden“, was deren Sinnhaftigkeit in Frage stelle. Die Umstiegspläne seien zudem zeitlich völlig utopisch. Unbedacht bleibe ferner, dass allein für ein neues Formularsystem Steuergelder in zehnfacher Millionenhöhe zu veranschlagen wären.

Die Rathausspitze, die bislang immer scharf gegen LiMux schoss und auf eine Rückkehr zu Microsoft drängte, hat es derweil offenbar nicht mehr sonderlich eilig mit der Umsetzung der Vorgaben des Stadtrats. Auf die Frage, wann und von wem die geforderte „grobe Kostenkalkulation“ für eine erneute Migration erstellt werden solle, antworte ein Sprecher des kommunalen Informationsamtes, dass er dazu voraussichtlich erst „im Herbst dieses Jahres bei Beschlussfassung im Stadtrat konkretere Auskünfte geben“ könne.

Die IT-Fachfrau der SPD in der Abgeordnetenversammlung, Anne Hübner, hatte zuvor gegenüber dem BR ein „Riesendurcheinander“ in der Münchner IT-Landschaft beklagt. Sie glaube, „dass es bestimmte Fachanwendungen gibt, die unter Linux nicht laufen“ und immer weniger Mitstreiter in der Linux-Community bereit seien, diese umzuprogrammieren. Für Endanwender gehe viel unter dem freien Betriebssystem noch nicht. Letztlich sei es nie gelungen, „von Microsoft unabhängig zu werden“. Nun wolle die Stadt wieder mehr in Richtung der Redmonder gehen.

Zugleich wies Hübner Spekulationen zurück, dass es einen Deal mit dem US-Konzern im Zusammenhang mit dem Umzug dessen Deutschlandzentrale nach München gegeben habe: „Wir haben Gewerbesteuern auf Rekordniveau, wir sind nicht auf Microsoft angewiesen.“ Sie persönlich habe kein einziges Mal mit einem Lobbyisten des Softwarehauses gesprochen. Auch der Oberbürgermeister sei nicht korrumpierbar. (anw)

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