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IT-Sicherheit: Rechte und Linke lieben Überwachung

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Moritz Rosenfeld an Januar 4, 2017 - 8:44 pm in Security

Ein Jahr spektakulärer Hackerangriffe liegt zurück. Man muss kein Prophet sein, um zu vermuten: In diesem Jahr werden weitere folgen. Der amerikanische Informatiker Christopher Soghoian, 35, hat als Cheftechniker der American Civil Liberties Union ACLU für den Schutz der Bürgerrechte in der digitalen Sphäre geworben. Künftig will er Politik noch direkter beeinflussen: Er wird Mitarbeiter des demokratischen Kongressabgeordneten Ron Wyden, des schärfsten Kritikers der NSA im amerikanischen Kongress. Auf dem Kongress des Chaos-Computer-Clubs (CCC) in Hamburg spricht er über die größten Gefahren für Demokratie und Bürgerrechte.

SZ: Wie hat sich das Verhältnis von IT-Sicherheit zur Demokratie verändert?

Christopher Soghoian: Bis jetzt betrachteten es die Mächtigen als Thema der Wirtschaft, wenn Unternehmen geistiges Eigentum gestohlen wurde, oder der Bürger, deren Kreditkartendaten gestohlen wurden. Jetzt ist es ein politisches Thema.

SZ: Wo sind demokratische Rechte bedroht?

Christopher Soghoian: Der Einsatz gehackter Daten im amerikanischen Wahlkampf zeigt, wie verwundbar der gesamte politische Prozess ist. Das ist kein rein amerikanisches Problem. Ich habe mit Politikern und Offiziellen europäischer und nationaler Institutionen gesprochen, die heikle politische Gespräche über unsichere Telefonleitungen führen. Das EU-Parlament ist so unsicher, dass es schon traurig ist. Ich habe mit Diplomaten im Ausland geredet, die einfach zum Handy oder Festnetztelefon greifen, um mit ihrer Zentrale telefonieren zu wollen. Sie benutzen nicht einmal Facetime … .

SZ: .. Apples Videoanruf-Software, die als sehr sicher gilt.

Christopher Soghoian: Genau. Die Regierungen nutzen also nicht einmal die einfachste, billigste Verschlüsselung.

SZ: Und da ändert sich nichts?

Christopher Soghoian: In Anbetracht des aggressiven russischen Hackings wachen viele Politiker auf. In Großbritannien und Australien haben die ersten zugegeben, dass sie Whatsapp verwenden, weil sie SMS nicht vertrauen.

SZ: Was erwartet die American Civil Liberties Union in Fragen digitaler Bürgerrechte von Präsident Donald Trump?

Christopher Soghoian: Bush, Obama, Trump: In meinem Themenbereich sind alle gleich. Bush und Obama unterschieden sich bei Schwulenrechten, Umweltfragen oder Mutterschutz – aber bei der Überwachung gab es keinen Unterschied. Rechte und Linke lieben Überwachung, zumindest die von ihnen, die ins Weiße Haus kommen. Barack Obama hat nichts getan, um die NSA oder das FBI zurückzuhalten. Diese Behörden haben ihren Einsatz invasiver, rechtsverletzender Techniken ausgeweitet ohne wirkliche Kontrolle durch die Exekutive. Die Entwicklung ist: mehr Überwachung und mehr Hochtechnologie, die von Militär und Geheimdiensten zu lokalen Polizeibehörden weitergegeben wird. Dazu gehören Imsi-Catcher, mit denen Handys abgehört werden, Drohnen und Schadsoftware. Dieser Trend wird sich unter Trump fortsetzen.

SZ: Der Staat hackt selbst verstärkt Computer und Smartphones.

Christopher Soghoian: Die Zukunft der Überwachung gehört nicht den Wanzen, sondern dem Hacking. Nicht einmal die offensten demokratischen Gesellschaften diskutieren, wie staatliches Hacking Bürgern schadet und zum Beispiel von Gerichten kontrolliert werden soll. Das liegt auch daran, dass die Regierungen alles vor uns geheim halten.

SZ: Welche Technologie halten Sie für eine unterschätzte Gefahr?

Christopher Soghoian: Wir stehen an der Schwelle zu einer Gesellschaft, in der die Menschen die Macht der Datenhändler spüren. Unternehmen sammeln Informationen über jede Bewegung, Käufe, Interessen und soziale Netzwerke. Werden diese Daten mit Technik zur Gesichtserkennung gekoppelt, können Werber und Händler herausfinden, was wir wollen, bevor wir ein Geschäft auch nur betreten. Ich glaube, die Gesellschaft wird das wie ein Ziegelstein ins Gesicht treffen – aus dem Nichts.

SZ: Können Hacker helfen, die Bürger zu schützen?

Christopher Soghoian: Hacker können sehr gut die Schwächen unserer technischen Altlasten verdeutlichen. Aber der Hacker-Gemeinde fällt es schwer, den Ball ins Tor zu bringen. Es hätte nicht so einfach für die NSA sein dürfen, Angela Merkels Telefon abzuhören. Aber Deutschlands Telefonnetzwerke hatten Schwachstellen, die Hacker schon lange kannten. Diese Erkenntnisse wurden auf Hacker-Kongressen vor einem kleinen Publikum präsentiert, die Medien schrieben darüber. Aber fünf oder zehn Jahre später sind die Netze immer noch angreifbar. Die Community kann sehr gut zeigen, was kaputt ist. Aber es fällt ihr deutlich schwerer, politischen Druck auszuüben, damit etwas repariert wird.

SZ: Brauchen Hacker bessere Lobbyarbeit?

Christopher Soghoian: Nicht unbedingt. Aber wenn Nerds mit Nerds reden, ändert sich die Gesellschaft nicht. Man muss den Laien die Dinge erklären – und den Politikern. Wir brauchen mehr Hacker im Bundestag.

SZ: Ihr dringendster Rat für den durchschnittlichen Smartphone-Nutzer?

Christopher Soghoian: Niemand sollte Smartphones benutzen, die keine Sicherheits-Updates bekommen. Wir sollten unsere Angehörigen und Kollegen überzeugen, Zwei-Faktor-Authentifizierung zu nutzen, in jedem E-Mail-Konto, jedem Social-Media-Konto und beim Onlinebanking.

Christopher Soghoian, geboren 1981 in San Francisco, kämpft seit Jahren für den Schutz der digitalen Bürgerrechte. Seit Kurzem arbeitet er für einen Abgeordneten des US-Kongresses.

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