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GSM-Dämmerung: Netze in Australien und den USA am Ende

Heinrich Voigts on December 30, 2016 - 2:33 pm in Internet

Der Anfang vom Ende von GSM ist gemacht, der australische Kontinent wird bald GSM-frei sein. Der US-Mobilfunker AT&T legt zum Jahreswechsel den Schalter um. Die Netzbetreiber haben gute Gründe für den Abschied von 2G.

Anfang Dezember hat der australische Mobilfunk-Marktführer Telstra sein GSM-Netz deaktiviert. Nur auf der Weihnachtsinsel bietet Telstra noch GSM, allerdings ohne Datendienste. Der US-Netzbetreiber AT&T verabschiedet sich zum Jahreswechsel von GSM. Nur noch ein winziger Bruchteil des Verkehrs läuft über das alt-ehrwürdige 2G-Netz, so dass die Netzbetriebskosten nicht mehr dafür stehen. Im deutschsprachigen Räum wollen sich die Netzbetreiber mit Ausnahme der Swisscom noch nicht festlegen, wann die zweite Mobilfunk-Generation beerdigt wird.

GSM-Logo
GSM stand für Groupe Spécial Mobile, dann für Global System of Mobile communications
Neben den Betriebskosten spielt für die Netzbetreiber die spektrale Effizienz eine wichtige Rolle. Denn im Vergleich zur Verkehrsmenge verbrauchen die alten Netze enorm viel Spektrum. Wenn es gelingt, diese Frequenzen so umzuschichten, dass sich für LTE nutzbare Frequenzbänder ergeben, macht das einen Umstieg (“Refarming”) attraktiv.

Australien dürfte im kommenden Jahr der erste GSM-freie Kontinent werden. Die 1800-MHZ-Frequenzen werden bereits für LTE genutzt. Nach Telstra werden auch die Mitbewerber Optus (schrittweise ab 1. April) und Vodafone (Ende September) ihre GSM-Netze im 900-MHz-Band abschalten. In Singapur werden die drei dortigen Netzbetreiber, M1, Singtel und StarHub, Ende März gleichzeitig den GSM-Dienst einstellen.

GSM ist kleinster gemeinsamer Nenner

Diese Strategie wird aber nicht uneingeschränkt unterstützt. So hat die norwegische Telenor schon letztes Jahr angekündigt, in Norwegen GSM bis 2025 weiterzubetreiben. Das jüngere UMTS wird hingegen schon 2020 Geschichte sein. Die Logik dahinter ist einfach: Praktisch alle Endgeräte funken GSM, aber nicht alle können auch UMTS. Und das UMTS-Spektrum lässt sich einfacher für das noch effizientere LTE “refarmen”.

Gerade im Markt für Machine-to-Machine-Communication (M2M) spielen GSM und dessen Datendienste GPRS und EDGE noch eine wichtige Rolle. GSM-Module sind in Kopiermaschinen, Drehtüren, Kraftfahrzeugen, Heizungen, Aufzügen, Schiffscontainern, Teddybären und unzähligen anderen Dingen eingebaut. Viele dieser Dinge haben vergleichsweise lange Lebensdauern und bringen geringen, aber verlässlichen Umsatz.

Eine Umrüstung auf 3G ist kostspielig und kann am Energieverbrauch oder mangelndem Empfang scheitern. Für die Übertragung kleiner Informationsmengen ist GSM energieeffizienter; ein 3G-Modul bräuchte größere Akkus und andere Antennen. Dazu können Empfangsprobleme kommen, weil 3G traditionell auf deutlich höheren Frequenzen betrieben wird, die nicht so gut durch Wände und andere Hindernisse dringen.

Neue Standards für M2M und IoT

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Zwei spezielle Version von LTE-Advanced Pro gehen solche Herausforderungen an. Der Standard für Machine Type Communications enhancements (eMTC oder MTCe) erlaubt die Übertragung von bis zu einem MBit/s im Up- und Downlink im Voll- oder Halbdublexbetrieb auf einem 1,08 MHz breiten Trägersignal. MTCe ist für die M2M-Kommunikation konzipiert.

Narrowband IoT (NB-IoT) hat das Internet der Dinge im Fokus. NB-IoT soll sehr geringe Datenmengen mit sehr geringem Energieverbrauch übertragen, wobei ein 180 KHz schmales Signal ausreicht. Das ist ideal für das Refarming ehemaliger GSM-Frequenzen. NB-IoT sendet im Halbduplex verfahren mit maximal 250 Kbit/s. Beide neuen Standards wurden aber erst im Juni festgezurrt (3GPP Release 13).

Daher betreibt T-Mobile USA sein GSM-Netz noch bis 2020 – allerdings in reduziertem Umfang, wie das Unternehmen gegenüber heise online angab. Die Zahl der für GSM belegten Funkkanäle wird zugunsten des LTE-Netzes zurückgefahren. Rogers, der einzige überregionale GSM-Betreiber Kanadas, hat sich nicht geäußert.

Sicherheitsprobleme

Ein weiterer Grund für die Abkehr von GSM ist die im Vergleich zu UMTS und LTE schwache Sicherheit. GSM und dessen Datendienst GPRS sind gleich mehrfach verwundbar. Dass AT&T seinen Kunden empfiehlt, GSM im Endgerät zu deaktivieren, soll aber Angriffe auf die Kunden mit “wilden” GSM-Basisstationen erschweren.

Einzelne GSM-Basisstationen sind günstig herzustellen. Stört dazu noch ein Störsender die UMTS- und LTE-Signale, landen Endgeräte mit ziemlicher Sicherheit in dem simulierten GSM-Netz. Dann ist es ein Leichtes, Anrufe, SMS und Daten weiterzuleiten und dabei mitzulesen oder zu manipulieren. Allerdings bieten nur wenige handelsübliche Handys die Möglichkeit, GSM auszuschalten während 3G und 4G weiterläuft. AT&T schreibt so eine Funktion für die von AT&T selbst verkauften Geräte erst seit Ende 2015 vor. (ds)

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