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Ein Netz aus IMSI-Catchern überwacht Ottawa

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Heinrich Voigts an April 5, 2017 - 4:17 am in Internet

Der kanadische Rundfunk hat in Ottawa eine Reihe von IMSI-Catchern aufgespürt. Sie überwachen das gesamte Stadzentrum, samt Regierung, Parlament und Botschaften.

Auch in der kanadischen Hauptstadt Ottawa wird fleißig spioniert. Journalistinnen des französischsprachigen ICI Radio-Canada haben im Stadtzentrum mehrere IMSI-Catcher aufgespürt. Mit diesen Überwachungsgeräten können beliebige Mobiltelefone erfasst und abgehört werden. Die in Ottawa nachgewiesenen Geräte decken das gesamte Parlamentsviertel, die Büros von Premierminister Justin Trudeau, das Verteidigungsministerium und diverse prominente Botschaften ab. Sogar in unmittelbarer Nähe des Redaktionsgebäudes von Radio Canada gibt es einen IMSI-Catcher.

Wer das Überwachungsnetz installiert hat, ist nicht bekannt. Obwohl auch organisierte Verbrecherbanden bereits IMSI-Catcher eingesetzt haben, kommen hier wohl vor allem Geheimdienste in Frage. Es könnte aber auch eine kanadische Polizei dahinter stecken. Kanadische Urheberschaft würde den kanadischen Skandal der Überwachung von Journalisten, die keiner Straftat verdächtigt wurden, in den Schatten stellen.

IMSI-Catcher klinken sich als eine Art Proxy in die Verbindung zwischen echtem Mobilfunknetz und Handy ein – ein Designfehler der Netze. Zwar muss sich ein Endgerät gegenüber dem Netz ausweisen, aber nicht das Netz gegenüber dem Handy. So kann sich jeder, der die Technik beherrscht, als Teil des Netzes ausgeben. Die betroffenen Mobiltelefone zeigen keine entsprechende Warnung an, außer man hat spezielle Geräte wie etwa das CryptoPhone der Berliner Firma GSMK. Mit solch einem Handy hatten sich auch Brigitte Bureau und Sylvie Robillard von Radio Canada auf die Suche gemacht.

Keine Bekenner

Nachdem sie fündig geworden waren, baten sie den Minister für Öffentliche Sicherheit, die Bundespolizei RCMP, die Polizei von Ottawa, den zivilen Geheimdienst CSIS und den auf Telekommunikation spezialisierten militärischen Geheimdienst CSEC um Stellungnahmen. Keiner der Genannten wollte sich bekennen oder den Verdacht entkräften; alle verwiesen darauf, auf Basis geltenden Rechts zu arbeiten.

Siehe dazu auch: Überwachungsgeräte im Osloer Regierungsviertel

Zudem kontaktierten die Journalistinnen einige der im Überwachungsnetz befindlichen Botschaften. Die israelische Botschaft gab an, nichts von der Sache zu wissen. Die Vertretung der Volksrepublik China bezeichnete es als „unvernünftig und unverantwortlich“, mit solchen Praktiken in Verbindung gebracht zu werden. Für Russlands Gesandtschaft ist es „falsch und unbegründet“ zu meinen, das Land würde sich solcher Methoden bedienen – in Frage kämen da viel eher die US-Amerikaner. Deren Botschaft äußerte sich gar nicht.

Wertvolle Daten

Neben dem Abhören von Telefonaten und dem Mitlesen von Kurzmitteilungen kann auch das Einschleusen von Übertragungen unter falscher Identität von Vorteil für Spione sein. In größerem Maßstab nützlich ist die passive Überwachung und Datensammlung. Wer geht wann wie schnell wohin, wie lange bleibt er dort und wer hält sich noch dort auf, kann Spionen viel verraten.

Unter Berufung auf einen nicht namentlich genannten kanadischen Beamten beschreibt Radio Canada ein Einsatzszenario, das russische Spione zum Verstecken vor kanadischer Spionageabwehr genutzt haben sollen. Zentrale Rolle spielen dabei in Autos eingebaute IMSI-Catcher. Russische Geheimdienstler sollen solche Autos nahe kanadischer Geheimdienstbüros geparkt haben. Handys, die dort regelmäßig über mehrere Stunden vermerkt werden, können kanadischen Agenten zugeordnet werden.

Und diese Information kann in der Folge Gold wert sein. Denn wenn russische Agenten eine heikle Mission planten, würden sie ebenfalls Autos mit IMSI-Catchern in der jeweiligen Umgebung parken, berichtete der Informant. Spüre einer dieser IMSI-Catcher ein Handy auf, das zuvor einem gegnerischen Agenten zugeordnet worden war, werde die Mission abgeblasen. Die in Ottawa entdeckten IMSI-Catcher könnten aber genauso gut von kanadischen Diensten installiert worden sein, meinte der von Radio Canada befragte kanadische Beamte. (ds)

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